ELFTES KAPITEL

oder wie es dem geht, der noch schmutzig ist, wenn andere sich schon gewaschen haben.

Ich wurde diesmal nicht durch klingelnde Steigbügel geweckt, sondern von den Strahlen der Morgensonne und schrak hoch.
"Onkelchen", sagte der Barbar, "wir haben Dich schlafen gelassen, aber es ist noch etwas Tee übrig. Der Mönch betet schon seit Stunden in der Kapelle, der Magier meditiert dort drüben auf den Felsen, und ich will gleich mit Dir und dem braven Soldaten Loger auf einen Erkundungsritt, denn die beiden Mädchen wollen den See etwa eine Stunde für sich alleine haben".
Ich war verlegen wegen des langen Schlafs, aber der Barbar und Loger grinsten mich fröhlich an, und so ließ ich mir auch beim Frühstück Zeit. Dann sprangen wir in die Sättel und ritten los. Loger meinte, wir brauchten nicht nach Süden zu reiten, man könne weit genug in die Wüste sehen. Wir sollten lieber die nähere Umgebung erkunden.
Wir fanden noch zwei Stellen mit freiem Wasser. In einem der beiden Tümpel schwammen träge zwei Goldfische. Die Legende sagt, daß die Fische im Schlamm schlafend die Jahre überstehen, wenn ein solcher See austrocknet. Dann entdeckten wir unter einem überhängenden Felsen eine Höhle, die Logers Interesse aufs Höchste ansprach. Aber wir waren schon seit mehr als einer Stunde unterwegs, also ritten wir zurück. Wir wurden von zwei strahlenden Schönheiten empfangen. Raffaela war seit zehn Tagen zum ersten mal wieder richtig sauber, und beide Mädchen hatten die Haare gewaschen und trugen sie offen. Loger pfiff anerkennend, der Barbar brummte, aber Donisl fand schnell viele schöne Worte über Sonne, Mond, Sterne, dunklen Samt und gelbe Weizenfelder und was es sonst noch so gibt. Aber wehe dem verstaubten Reisenden in der Gegenwart von zwei blitzblank gewaschenen Frauen. Raffaela fielen Donisls Worte über Logers Frisur ein, und der Ärmste mußte Mantel und Rüstung ablegen und sich am Uferrand auf den Boden setzten. Beide Mädchen waren sich einig, daß einiges von der Haarpracht herunter mußte. Ein strenger Schnitt würde am besten zu dem langen dunklen Mantel passen. Loger wandte vergeblich ein, der Mantel solle sich doch lieber seinen Haaren anpassen, aber schon wurde sein Kopf nach vorne gedrückt, um die Haare zu waschen.
Donisl holte aus seinen unergründlichen Taschen eine Schere und ein Rasiermesser heraus, und dann ging es los. Trent d'Arby hielt Logers Schopf mit eisernem Griff, als der Nacken und die Seiten ausrasiert wurden. Im Spiegelbild des Wassers mußte Loger allerdings zugeben, daß eine gewisse Verbesserung erreicht worden war. Dann wurde hier eine Haarsträhne abgeschnitten, dann dort und dort.
"Noch etwas strenger", sagte Raffaela, "das bringt sein Profil besser zur Geltung".
Ich bedeckte die Augen mit der Hand. Noch ein paar Minuten hörte ich aufmunternde Frauenstimmen und das Klappern der Schere. Dann folgte verhängnisvolle Stille. Ich sah auf.
Am Ufer saß Loger, der Gerupfte, und starrte entsetzt in das Wasser. "Weiter festhalten, Trent!" ermunterte Donisl. "Wie sagte der alte Pimpardil immer? Es gibt kein Unglück, dem nicht noch ein größeres Unglück folgen kann". Dann holte er tief Luft und hob die Hände. Martina wußte offenbar, was folgen würde. Mit weiblicher Fürsorge legte sie ihre zarten Zeigefinger über Logers Augenbrauen.
"Haare, Haare! Haare, Haare!" sang Donisl. "Halt ihn für zehn Minuten fest, Trent! Laß nicht los!" Dann raffte er seine Robe und lief weg.
Mir traten Tränen der Erinnerung in die Augen. Vor langer Zeit einmal hatte ich dieses Sprüchlein, es ist kein wirklicher Spruch, gegen einen Hofhund angewandt, der partout nicht glauben wollte, daß ich diesen Schinken aus der Räucherkammer ehrlich nur ausleihen wollte. Das Hundchen hatte sich nach einigen Sprüngen in sein wildsprießendes Fell verwickelt und die Verfolgung aufgeben müssen.
Nun sahen alle andächtig auf Loger. Vor wenigen Augenblicken war er glatt rasiert gewesen. Jetzt glich er einem Höhlenork. Ein schwarzer Bart sproß wie die Stacheln eines Igels von seinen Wangen. Mit der Fülle seiner Haare wäre Loger selbst von der philosophischen Fakultät relegiert worden. Loger brüllte, aber Trent d'Arby hielt eisern fest. Jetzt tänzelte Donisl wieder heran.
"Halt den Mund, Du Wurm!" sagte er. "Die vernuftbegabten Wesen wollen denken. Wir machen jetzt eine Zeichnung".
Loger sackte in sich zusammen. Der Magier zeichnete ein Profil in den Sand. "Wir gehen weiter von einem strengen Schnitt aus. Aber der Zopf sollte in einer Locke enden, und hier an der Seite wollen wir auch eine Locke haben. Gefällt das den Damen?"
Beide Mädchen waren zufrieden. "Und glatt rasiert hat er mir auch nicht gefallen. Wir wollen ihm einen dicken Schnurrbart schneiden, der bis unter die Mundwinkel herunter geht. Das betont das Gemeine an seinem Charakter".
"Nein", meinte Raffaela. "Er ist nicht gemein. Ihr sagt das nur alle. Loger ist ein sehr netter Dieb". Loger stöhnte.
"Es gibt in Ber Gama in dieser Saison einen phantastischen neuen Schauspieler. Er spielt immer den jugendlichen Liebhaber, und ich bin ganz hingerissen, und ich habe auch ein echtes Autogramm von ihm, und er ist wirklich himmlisch. Er hat ein ganz kleines Bärtchen, nur zwei Striche über der Oberlippe, so und so". Raffaela zeichnete zwei winzige Striche in den Sand.
Donisl trat sinnend zurück. "Es könnte passen", meinte er. "Laßt es uns versuchen".
Loger war nun völlig willenlos. Donisl klapperte mit der Schere. Seine Gesicht zeigte nicht mehr den Ausdruck schelmischer Bosheit sondern höchster Konzentration. Er schnitt Logers Haare la jeun prince, straff aber einen Hauch verspielt. Er band den Zopf mit einem schwarzen Band, und die Locke lag in natürlicher Anmut über Logers Schulter. Die beiden Seitenlocken waren kurz und eng gedreht, aber anders einfach nicht denkbar. Mit dem Rasiermesser vollbrachte Donisl ein Wunder. Ein hauchfeines Bärtchen lag in keckem Strich über Logers Lippen.
Falls Donisl einmal von der reinen Magie nicht mehr würde leben können, könnte er als Modefriseur in der Hauptstadt immer noch Reichtümer verdienen. Er feuchtete eine Locke an und machte einen Strich mit dem Kamm. Dann trat er zurück. "Perfekt, einfach perfekt!. Du brauchst mir nicht zu danken. Dieser Anblick ist mein Lohn".
Martina und Raffaela sahen Loger mit glänzenden Augen an. "Himmlisch" seufzte Raffaela, "ich könnte mich glatt in Dich verlieben". Loger stand mit hängenden Schultern. Er antwortete giftig: "Ich werde bei Gelegenheit daran denken".
Durch diesen groben Undank enttäuscht, zogen sich die Mädchen kichernd zurück, und ich hörte, wie Raffaela von dem Schauspieler erzählte, als er in dem Stück "Kinder der Wildnis" in das Zelt des bösen Räuberhauptmanns eindrang und die gefangene Prinzessin befreite.

Loger stand vor dem See und sah in sein Spiegelbild. "Die Frisur geht an. Ich will sie so lassen, auch wenn diese Gans, ihre Komplizin und der Hexer sich die ganze Zeit über mich lustig gemacht haben. Aber das Bärtchen bringt mich um. Ich nehme es runter". Er kniete am Wasser nieder.
"Loger", sagte ich. "Du reitest seit einigen Tagen in einer Gruppe. Die Gruppe sieht Dich vielleicht anders, als Du Dich selbst siehst. Du hast von einem interessanten Kaufmann Kleider gekauft, die Deine Erscheinung verändert haben. Diese Veränderung hast Du selbst gewollt. Heute haben Dich ein Magier und zwei Mädchen, die Du unter anderen Umständen nie kennengelernt hättest, nach ihren Vorstellungen weiter verändert, auch wenn es dabei sehr lustig zuging. Du solltest ganz ernsthaft bedenken, daß Du jetzt so aussiehst, wie sich die Enkelin eines Fürsten und die Tochter eines Kanzlers einen jungen Mann vorstellen, wenigstens ungefähr. Die eine ist zwar nicht von Deinem Volk, die andere hatte das Bild eines Schauspielers vor Augen. Aber beide haben in der Hauptstadt gelebt und verkehren in den besten Kreisen.
Loger sah wieder in das Wasser. "So ein Bärtchen trägt nur ein Geck. Ich kann es nicht ausstehen".
"Loger", sagte ich wieder, "die Idee ist aber gut. Laß das Bärtchen etwas wachsen, bis es ein kleiner flotter Schnurrbart ist".
Loger sah zweifelnd in das Waser.
"Hör zu, mein Junge", versuchte ich es wieder. "In Deiner früheren Aufmachung konntest Du auf dem Viehmarkt den Bauern den Beutel abschneiden. Arme Leute zu bestehlen ist nicht fair und bringt nichts ein, und ist wohl auch nicht Deine Art, wie es Fontes erzählt hat. So, wie Du jetzt aussiehst, kannst Du getrost auf den Rennplatz gehen, zu den Reichen. Das bringt für Dich und die Gilde schon etwas mehr".
Loger war fast überzeugt. Ich bohrte weiter.
"Wie weit bist Du mit Deiner Ausbildung?" "Ich bin Geselle im vierten Lehrjahr. Ich habe mir vorgestellt, in zwei Jahren oder so zur Meisterprüfung anzutreten. Aber diese drei Witzbolde haben heute mein Selbstvertrauen so angeschlagen, daß ich mich in den nächsten fünf Jahren kaum vor den Ring der Alten trauen werde".
"Dann stell Dir bitte vor, Du müßtest heute und jetzt die Prüfung ablegen. Sieh ins Wasser!"
Der Kandidat für die Würde eines Meisterdiebes trat nach vorne. "Ich sehe einen dunklen Herrn. Sehr flott, aber vornehm. Etwas geheimnisvoll, das ist das Elfenblut, und vielleicht auch gefährlich, das ist das Menschenblut. Aber vor allem vornehm. Das Gesamtbild ist nicht schlecht. Aber neben dem Ganzen müssen auch die Einzelheiten stimmen. Auch da bin ich zufrieden. Nur der Schwertgriff glänzt etwas zu hell".
"Dem kann abgeholfen werden", sagte ich und zeigte auf den Haufen abgeschnittener Haare auf dem Boden.
"Nein", sagte Loger. "Das ist zu einfach. Jetzt will ich meine Rache".
Er schlenderte zu der Stelle, an der Martina und Raffaela saßen und schwatzten.
"Raffaela, Schätzchen", sagte er und strich sich über die Oberlippe. "Du und die anderen, Ihr habt mich vorhin geschoren wie ein Schaf. Ich hätte gerne ein Andenken an Dich und diesen Tag. Schenk mir eine Deiner Locken".
Raffaela zierte sich.
"Raffaela, denk daran, daß ich Dich aus den Klauen d'Assels gerettet habe. Wir sind zusammen durch die Wüste geritten, und gestern bist Du an meinem Steigbügel gelaufen. Ich verdiene eine kleine Belohnung. Ich bin doch der nette Dieb".
"Na gut", sagte Raffaela, "aber nicht zuviel, und Du mußt die Locke in einem Beutel um Deinen Hals tragen".
Schon war der Dolch in Logers Hand, und er machte einen schnellen Schnitt.
"Besten Dank auch, meine Dame!" Loger verneigte sich spöttisch und suchte nach einer Sitzgelegenheit. Er hakte sein Schwert ab und setzte sich auf einen Stein. Dann begann er mit geschickten Fingern, die Haare in einem fadendünnen Zopf um den Schwertgriff zu wickeln. Raffaela zischte böse.
"Nein, nein", lachte der ältere Gnom. "Es ist ein gutes Omen, wenn ein Mann seinen Schwertgriff mit Frauenhaar umwickelt. Er klebt dann an der Hand fest wie Mastix". Ich versuchte, mich mit dem Gedanken zu beruhigen, daß wir in zwei Wochen oder so das Mädchen und alle Sorgen los sein würden.


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(c) 1993 Holger Provos